воскресенье, 12 августа 2012 г.

Die kleinen Erwachsenen

Die Jugendlichen von heute werden die Zukunft entscheidend prägen und gestalten. Forscher untersuchen daher regelmäßig die Einstellungen junger Menschen. Dabei stoßen sie immer wieder auf Überraschungen.
14- bis 17-Jährige in Deutschland sind keine Rebellen. Sie achten ihre Eltern, eifern ihnen aber nicht nach, sondern orientieren sich verstärkt an den Handlungen ihrer Freunde. Traditionelle Werte wie Treue und Pflichtbewusstsein zählen. Liebe, Freundschaft und Familie sind Jugendlichen wichtiger als Religion und Glaube. Fernsehen ist sehr beliebt. Aber in der Freizeit wird das Zusammensein mit Freunden, Schwimmen oder Radfahren eindeutig dem spielen am Computer oder Videospielen vorgezogen. "Freunde sind die Familie, die man sich aussuchen kann und die immer zu einem halten", schwärmen Maike (15) und Jonas (16), zwei der Jugendlichen, die von Soziologen befragt wurden.
Einer der Sozialforscher ist Marc Calmbach vom Sinus-Institut in Heidelberg. Im Auftrag von sechs kirchlichen und gesellschaftspolitischen Institutionen untersuchten er und seine Kollegen in ausführlichen Interviews die Gefühls- und Gedankenwelt Jugendlicher. Die wichtigsten Feststellungen wurden im Frühjahr 2012 in der so genannten "Sinus-Studie" veröffentlicht. "Die Jugend richtet sich in unsicheren Zeiten tatsächlich nach klassischen Werten", bestätigt Marc Calmbach. Dabei würden Werte und Ziele aber stark gemischt. "Man will viel feiern und das Leben genießen, aber auch einen guten Job. Man will Freiheit aber auch Sicherheit. Man ist angepasst, will sich aber auch selbst verwirklichen".

Ein junges Paar küsst sich (Foto: DW) Liebe, Familie und Freunde sind Jugendlichen besonders wichtig
Berufliche Unsicherheit führt zum frühen Ende der Jugend
Jugendliche in Deutschland stehen aber auch verstärkt unter sozialem Druck. Sie haben Ängste und Sorgen. Die betreffen noch weit vor den Themen "Umwelt", "Geld" oder "Politik" vor allem den Bereich "Arbeitsplatz". Beschäftigungsverhältnisse sind unsicherer als in der Vergangenheit. Selbst beste Zeugnisse und viele Praktika garantieren heute nicht unbedingt einen festen Job. Diese Entwicklung hat Folgen. 14- bis 17-Jährige verlieren eher als frühere Generationen ihre jugendliche Unbeschwertheit. "Mich hat überrascht, dass viele sich schon wie kleine Erwachsene verhalten", berichtet Sozialforscher Marc Calmbach. Sein Kollege Peter Martin Thomas, Mitautor der Sinus-Jugendstudie, erzählt im DW-Interview von sehr rationalem, angepassten und überlegtem Handeln. Mädchen würden sich noch eher Gedanken über ihre berufliche Zukunft machen als Jungen, sagt Thomas. Für berufliche Weichenstellungen würden auch viele Freizeitaktivitäten eingeschränkt.
Trotz Wirtschaftskrise und düsteren Prognosen scheinen Jugendliche aber überwiegend zuversichtlich gestimmt zu sein. Rund 60 Prozent blicken optimistisch nach vorne. "Theoretisch bin ich schon zufrieden, aber es fehlt manchmal die Motivation", erzählt die 16-jährige Kerstin. Sie ist eine von 2500 Jugendlichen, die von Sozialwissenschaftlern der Universität Bielefeld und Experten des Münchner Forschungsinstituts TNS Infratest befragt wurden. Der Auftraggeber, die Shell AG, lässt die hoch anerkannten Untersuchungen als "Shell-Jugendstudien" bereits seit Jahrzehnten in Abständen von vier Jahren anfertigen. Zuletzt im Jahr 2010. Studienleiter Professor Mathias Albert bestätigt den Optimismus der Jugendlichen: "Was die Jugendlichen sich aber unbedingt wünschen, ist Berechenbarkeit". Gesellschaftliche Regeln müssten beständig gelten. Deshalb würden auch die Erwartungen an die Schule steigen. Gewünscht werden engagierte Lehrer, die auch persönlich Vorbilder sind.

Jugendliche Mitglieder einer Clique trinken Alkohol. (Foto: dpa) Bei sozial Benachteiligten herrscht Niedergeschlagenheit
Soziale Unterschiede werden größer
Die bisherigen Aussagen zur Gefühls- und Gedankenwelt von Jugendlichen stammen überwiegend aus der Ober- und Mittelschicht. Diese Schichten stellen nicht nur bei den Befragten der Studien, sondern auch in der deutschen Gesellschaft zwei Drittel. Das übrige Drittel umfasst sozial schwächer gestellte bis hin zu schwer benachteiligten Bevölkerungskreisen. Bei den Jugendlichen dieser Schichten dominieren Hoffnungslosigkeit und Niedergeschlagenheit. Es mangelt an Ideen, Perspektiven und am Antrieb. Es gibt wesentlich weniger soziales Engagement, dafür aber einen stärkeren Hang zum Geld ausgeben und zu unrealistischen Zukunftsträumen.
Erschreckt sind die Forscher über die zunehmende Deutlichkeit, mit der sich Jugendliche der Ober- und Mittelschicht von sozial Schwächeren abgrenzen. Ganz klar wird gesagt, dass man mit "Leistungsunwilligen" oder "Ausländern" nichts zu tun haben möchte. Beide Jugendstudien, bei Sinus wie auch bei Shell, sprechen bereits von "Sozial Abgehängten". Dass sei ein eindeutiges Anzeichen für besorgniserregende gesellschaftliche Veränderungen, stellen die Sozialforscher fest.
Schon die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kritisierte, dass in Deutschland hauptsächlich das Elternhaus über die Zukunft der Jugendlichen entscheidet. Sozialforscher Peter Martin Thomas vom Sinus-Institut empfiehlt daher die Förderung von mehr Toleranz und Verständnis. "Wir müssen mehr Miteinander und mehr Begegnung im Bildungssystem verankern". Wenn sich die Entwicklung auseinander driftender Schichten weiter verstärkt, seien der soziale Friede, aber auch die Demokratie gefährdet, folgern die meisten Sozialwissenschaftler aus ihren Studien.

Kommentar: Das Ende der Diplomatie

Der Rücktritt Annans als Syrien-Vermittler ist ein weiteres Signal, dass Syriens Zukunft nun militärisch entschieden wird. Der Westen darf dem Konflikt nicht tatenlos zusehen, meint Dennis Stute.
DW Deutsches Programm Online Redaktion Dennis Stute. Foto DW/Christel Becker-Rau 2009 DW-Redakteur Dennis Stute

Der Rücktritt des Syrien-Sondergesandten Kofi Annan kann niemanden überraschen. Der Friedensnobelpreisträger ist in den vergangenen Wochen zunehmend zur tragischen Figur geworden. Während sowohl der Westen als auch Russland, China, der Iran und selbst die syrische Führung seinem Friedensplan zugestimmt hatten, der ein Ende der Kampfhandlungen, einen politischen Dialog und demokratische Freiheiten vorsah, war die Realität eine andere.

Syriens Diktator Baschar al-Assad machte vermeintliche Zugeständnisse und ließ die Sicherheitskräfte zugleich mit zunehmender Gewalt gegen Rebellen und Zivilisten vorgehen. Russland und China blockierten im UN-Sicherheitsrat sämtliche Resolutionen, die den Druck auf Assad hätten verstärken können. Saudi-Arabien beliefert die Rebellen mit westlicher Duldung mit Waffen. Die Türkei stellt ihnen ihr Territorium als Rückzugsraum zur Verfügung. Diplomaten ließen gegenüber Journalisten durchsickern, dass die USA nur noch wenig von Annans Festhalten an einer Verhandlungslösung halten. Und die syrische Opposition hatte von Anfang an jegliche Verhandlungen mit der Regierung ausgeschlossen.

Düstere Aussichten

So bleibt kaum etwas von Annans Bemühungen übrig. Zu der Waffenruhe, der Rebellen und Regierung im Frühjahr zugestimmt hatten, kam es faktisch nie. Eine Fortsetzung der UN-Beobachtermission in Syrien über den 19. August hinaus ist noch ungewiss. Auch hier gilt leider der Befund, dass ein Ende nur konsequent wäre. Weil die UN-Inspektoren wiederholt zwischen die Fronten geraten waren, sind sie seit Juni ohnehin weitgehend in ihren Hotels gefangen.

Kofi Annans Rücktritt ist ein weiteres Signal, dass die Versuche einer friedlichen Beilegung des Konflikts gescheitert sind. Syriens Zukunft wird nun wohl militärisch entschieden. Nach derzeitiger Lage sind nur zwei Szenarien denkbar: Entweder wird der Konflikt so blutig, dass beide Seiten an irgendeinem fernen Punkt doch zu Verhandlungen gezwungen sein werden. Oder – worauf angesichts der Erosionserscheinungen der Regierung und der Erfolge der Rebellen alles hindeutet – das Assad-Regime fällt. Dann muss in dem religiös und ethnisch fragmentierten Land mit einer Fortsetzung des Bürgerkriegs unter anderen Vorzeichen gerechnet werden. In beiden Fällen droht ein lang andauernder Konflikt, der Gesellschaft und Strukturen so nachhaltig zerstört, dass das Land für lange Zeit instabil bleiben wird - mit verheerenden Auswirkungen auf die ganze Region. Schon jetzt sind nach UN-Schätzungen 16.000 Tote zu beklagen, hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Der Konflikt hat praktisch das gesamte Land erfasst.

Zögernde NATO-Staaten

Weil das unerträglich ist, werden mit dem Scheitern der Diplomatie nun die Rufe nach einem militärischen Eingreifen unweigerlich lauter werden. Doch der Westen hält sich bislang zurück, denn nach den Erfahrungen in Afghanistan und im Irak will man nicht erneut in einen asymmetrischen Krieg verwickelt werden. Die NATO-Staaten tun gut daran, auch das libysche Modell bislang nicht ernsthaft in Erwägung zu ziehen, also die Regierungstruppen aus der Luft anzugreifen und das Kämpfen und Sterben am Boden Einheimischen zu überlassen. Luftschläge bedeuten immer auch zivile Opfer. Im Vorhinein lässt sich zudem nicht absehen, ob die beteiligten Staaten am Ende nicht doch in einen Bodenkrieg verwickelt werden. Darüber hinaus würde man eine Rebellenarmee unterstützen, die das Kriegsvölkerrecht verletzt und sich, wenn auch in geringerem Maße als die Regierungstruppen, Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht hat.

US-Präsident Barack Obama dürfte sich bewusst sein, welche innenpolitischen Folgen es für ihn hätte, sollte er eine Opposition an die Macht bomben lassen, unter der es zu Racheakten an den alawitischen und christlichen Minderheiten kommt, die von vielen Sunniten als Assad-Unterstützer gesehen werden. Viele Sunniten haben nicht vergessen, dass Assads Vater 1982 bis zu 20.000 von ihnen regelrecht abschlachten ließ. In Syrien sind noch viele Rechnungen offen - und es werden täglich mehr.

Klug und doppelzüngig

Gleichwohl werden die Rebellen die Zukunft Syriens bestimmen, auch wenn derzeit niemand sagen kann, wie diese aussehen wird. Um Einfluss auf die Post-Assad-Ordnung nehmen zu können, kann sich der Westen den Forderungen nach Unterstützung nicht verschließen. Die Politik der USA ist deshalb klug. Bislang unterstützen sie die Freie Syrische Armee nur mit  Ausrüstung wie Kommunikationstechnik. Diese Linie ist jedoch auch doppelzüngig. Zwar überlassen die USA die Waffenlieferungen – zumindest nach dem, was derzeit bekannt ist – anderen, zugleich sind sie jedoch indirekt daran beteiligt: In der Türkei sind CIA-Agenten offenbar darum bemüht, die Waffenausgabe zu überwachen, um zu verhindern, dass sie in die Hände von Terroristen aus dem Al-Kaida-Umfeld gelangen.

Auch wenn sich ein militärisches Eingreifen verbietet – tatenlos zusehen muss die Staatengemeinschaft nicht. Die Versorgung der syrischen Flüchtlinge in den Nachbarstaaten ist vielerorts noch mangelhaft. Das muss dringend verbessert werden, um der notleidenden Zivilbevölkerung zumindest die Möglichkeit zu eröffnen, in Erwartung einigermaßen erträglicher Lebensbedingungen Syrien zeitweilig zu verlassen. Darüber hinaus müssen die Anstrengungen verstärkt werden, die Zivilisten im Land zu versorgen. Bis zu drei Millionen Syrer könnten in den nächsten zwölf Monaten auf Hilfslieferungen angewiesen sein.

Das zu ermöglichen ist eine Aufgabe für Annans Nachfolger, nach dem bereits gesucht wird. Annan glaubt, dass sich jemand finden wird. "Die Welt ist voller verrückter Leute wie ich", erklärte er. Das mag sein. Doch dass sich noch einmal jemand von vergleichbarer Statur auf die Mission einlässt, darf man bezweifeln.

Die Araber und ihre Sprache

Politisch, ökonomisch und religiös gehen die arabischen Länder unterschiedliche Wege. Die einst beschworene Einheit ist Geschichte. Nur eines verbindet noch: die arabische Sprache.
"Iqra!" - "Lies!" Eindeutig ist der Befehl, den Mohammed, der Stifter des Islam, erhalten hat. Gott selbst habe ihn gegeben, berichtet die Überlieferung über die Ursprünge des Islam im frühen 7. Jahrhundert, und sein Prophet konnte nicht anders als ihm zu entsprechen. Laut las er den Seinen vor, was ihm aus himmlischen Höhen diktiert worden war, und was sie hörten, hatte einen ganz eigenen, ganz besonderen Klang. Nicht umsonst setzt sich der Name des heiligen Buchs der Muslime, der Koran, im Arabischen aus den drei Konsonanten "q", "r" und dem in den europäischen Sprachen unbekannten "ain", einem stimmhaften Reibelaut, zusammen. "Quran" also, das zu Lesende. Laut sollte es gelesen werden, damit man den charakteristischen Klang der Sprache auch hört.
Offenbarung auf Arabisch

Bild eines aufgeschlagenen Korans (Foto: picture alliance/Godong)
Ein Sprachkunstwerk: der Koran
Sich wiederzuerkennen in der arabischen Sprache, zu erleben, dass auch sie es vermag, die theologischen Ideen ihrer Zeit auszudrücken - das, erklärt der Bonner Islamwissenschaftler Stefan Wild, machte zu großen Teilen den Erfolg der neuen Religion aus. "Der Koran ist gewissermaßen nicht nur zufällig auf Arabisch geschrieben, sondern er ist - und das steht auch im Text selbst - vor allem ein arabischer Koran. Und in den Anfängen der arabischen Religion war das Hauptkennzeichen dieser neuen Religion nicht etwa der Umstand, dass sie neue Ideen über Gott, die Engel und die Propheten enthielt. Sondern der Umstand, dass alle diese Dinge, die vorher schon in anderen Sprachen gesagt und gedacht worden waren, jetzt auf Arabisch offenbart wurden."
Das Arabische und der Islam bilden eine dicht verwobene Einheit. Und wenn die Araber seit dem siebten Jahrhundert Zug um Zug nach Westen und Osten vordringen und auf ihrem Zug immer größere Gebiete erobern, verbreiten sie ihre Kultur gleich zweifach: religiös ebenso wie sprachlich. Sicher leben unter ihrer Herrschaft auch Angehörige anderer Religionen. Aber zumindest sprachlich sind die Unterworfenen mit den neuen Herren fortan eng verwoben. "Die Nichtmuslime - etwa die Christen im Libanon und im Irak - haben zwar nicht den Islam übernommen, aber eben doch die dominierende Kultursprache des Arabischen", erklärt Stefan Wild.
Herder und Fichte im Orient

Der deutsche Lyriker, Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder in einer zeitgenössischen Darstellung (Foto: dpa) Auch ein Vater des arabischen Nationalismus: Johann Gottfried Herder
Und wie zu Zeiten der islamischen Expansion war das Arabische auch dann das einende Band, als die sich vom persischen Golf bis zum Atlantik erstreckenden Reiche ihren politischen Niedergang erlebten. Im 16. Jahrhundert drangen die Osmanen immer weiter vor und unterwarfen die arabischen Provinzen eine nach der anderen. Über dreihundert Jahre standen diese unter der Herrschaft Konstantinopels. Fortan war das Osmanische, eine frühe Form des modernen Türkisch, Amtssprache in der arabischen Welt. Doch im 19. Jahrhundert besannen sich die ehemals arabischen Provinzen auf ihre Wurzeln und begehrten gegen die fremden Herren auf.
"Beim Widerstand gegen das polyglotte und viele Völker umfassende Osmanische Reich", erklärt Stefan Wild, "spielte das Arabische als nationale Sprache eine große Rolle. Arabische Gelehrte griffen auf Fichte und Herder zurück, um zu erklären, inwiefern das Arabische ein einendes Band sein konnte. Man hat auf die Parallele zum Deutschen verwiesen: das Deutsche als Bindeglied verschiedener deutscher Kleinstaaten - das war im 18. und 19. Jahrhundert ja eine ganz geläufige Vorstellung. Die Idee, dass das Arabische, wenn man es nur genügend stützt und verbreitet, das einigende Band einer großen arabischen Nation sein könnte - zu dieser Idee hat man sich von den Deutschen inspirieren lassen."
Ideologische Spaltung
Auch im 20. Jahrhundert spielte das Arabische für das Identitätsgefühl der Region eine große, vielleicht sogar die entscheidende Rolle. Immer stärker zeigte sich nämlich, in welch unterschiedliche Richtungen die Staaten der Region gingen. Die einen, vor allem Ägypten, Syrien, Algerien und die Republik Jemen, unternahmen sozialistisch-nationalistische Experimente und suchten Kontakte zur Sowjetunion. Andere, allen voran Saudi Arabien und andere Staaten der Arabischen Halbinsel, kultivierten einen konservativen Islam, der große Teile des öffentlichen Lebens regelte. Ideologisch kamen die beiden Richtungen nicht mehr zusammen, und von einer Einheit der arabischen Staaten ließ sich immer weniger sprechen. Das, erklärt Stefan Wild, spiegele sich auch im zentralen Organ dieser Staaten, der arabischen Liga. "Ich habe den Eindruck, das Einzige, was die Arabische Liga zusammenhielt und zusammenhält, ist das Arabische. Allein die Sprache, das Hocharabische, kann diese Welt überhaupt noch zusammenhalten."
Risse quer durch die Gesellschaft
Im neuen Jahrtausend hat der arabische Frühling in aller Deutlichkeit gezeigt, wie sehr die Gesellschaften der arabischen Länder auch innerhalb der Landesgrenzen auseinanderdriften. Reiche und Arme, Gebildete und Analphabeten, Gläubige und Ungläubige: Sie alle haben ganz verschiedene Interessen, Vorstellungen, Lebensstile. Die Frage, was Gesellschaften zusammenhält, stellt sich auch in den arabischen Ländern mit großer Dringlichkeit. Sie hat zum Teil sehr gewalttätige Antworten gefunden, vor allem in Syrien.

Ein Redaktionsraum des arabischen Senders Al-Jazeera. Bild vom Februar 2005.
(Foto: ddp images/AP) Ein Zentrum des zeitgenössischen Arabisch: der TV-Sender Al-Jazeera
So haben die einzelnen arabischen Länder untereinander ein ebenso zerbrechliches Verhältnis wie die einzelnen Schichten innerhalb der jeweiligen Landesgrenzen. Eine neue Einheit bilden dank der Digitalisierung die arabischen Nachrichten- und Informationssender. "Al Jazeera", "Al Arabiya" und andere sorgen dafür, dass Araber weltweit auf dem gleichen Informationsstand sind. Über die Bewertung der Nachrichten gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Einigkeit herrscht nur darüber, dass die sprachliche Einheit erhalten werden sollte. Das sehen auch viele arabische Autoren so, erklärt Stefan Wild. "Viele Schriftsteller warnen etwa davor, dass die arabischen Dialekte in die zeitgenössische Literatur eindringen. Sie fürchten, es könnte irgendwann zum Beispiel ein ägyptisches, ein marokkanisches und ein irakisches Arabisch geben. Diese Varianten, so ihre Sorge, würden dann immer weiter auseinanderdriften."
Spontane Bindungsgefühle
Was also hält die arabische Welt zusammen? Nicht mehr viel. Politisch, ökonomisch sowie religiös und kulturell gehen die Länder der Region unterschiedliche Wege. Wenn aber der Aufstand, der in Tunesien ausbrach, so schnell auf die anderen Länder überspringen konnte, dann vor allem aus einem Grund: Die Menschen der Region empfinden eine spontane Bindung zueinander. Über Werte und Lebensstile mögen sie streiten. Aber sie tun es auf Arabisch. Es ist die Sprache, die ihre Welt über alle Grenzen hinweg zusammenhält. Und die dazu beiträgt, sie wie in den derzeitigen Aufständen, zutiefst zu erschüttern - und am Ende hoffentlich nach vorn zu bringen.

Das Leid der syrischen Zivilisten

Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, ohne ein festes Dach über dem Kopf, ohne ausreichende Ernährung und medizinische Versorgung. Hilfsorganisationen schlagen Alarm.
Tagelang schlug sich die Familie zur syrisch-libanesischen Grenze durch. Dann, im Schutz der Nacht, wagte sie den Übergang. Doch als die Familie das rettende Terrain des Nachbarlandes erreichte, fehlten zwei ihrer Kinder. Die beiden waren im unwegsamen Gelände des Libanon-Gebirges verloren gegangen. Stundenlang suchten die Eltern nach ihnen - vergeblich. Irgendwann setzten sie die Flucht ohne ihre verschwundenen Kinder fort. Bei den eisigen Temperaturen, die im März in den Bergen herrschen, konnten sie sich ausrechnen, dass sie alleine nur wenige Stunden überleben würden. Der Krieg hatte ihnen nicht nur ihr gesamtes Hab und Gut geraubt. Auch ihre Familie hatte er zerstört.
Kinder werden Opfer

Ein weinendes Kind in der Region von Homs. Foto vom 31.5. 2012
(Foto:dapd) Traumatisiert: Kinder im Krieg
Es sind bedrückende Geschichten, die Marc André Hensel, Koordinator der Syrien-Hilfe von "World Vision Deutschland e.V.", in den auf libanesischer Seite gelegenen Lagern für syrische Flüchtlinge zu hören bekommt. Seit März, als er sich zum ersten Mal in den Lagern aufhielt, erlebt Hensel die Folgen des Krieges in zahllosen Einzelschicksalen mit. Eltern, deren Kinder verwundet wurden und keine medizinische Versorgung erhielten; die starben oder misshandelt wurden. Die Kinder leiden ganz besonders unter dem Krieg. Sie sind es, die die größten Schwierigkeiten haben, das Erlebte zu verarbeiten. Viele von ihnen hätten Albträume, berichtet Hensel im Gespräch mit der DW. Andere fühlen sich verfolgt, unsicher, schrecken nachts oft auf. "Sie wollen einfach nur weg. Sie sind verschlossen, verstummt, stehen unter Schock. Manche berichten nichts von ihren Erlebnissen. Andere erzählen alles, man merkt, sie wollen Anteilnahme haben."
Im Lager kursieren Geschichten: Regierungstruppen, so heißt es, nehmen Kinder als Geiseln, um ihre Eltern gefügig zu machen. Eine Methode, die besonders gern gegen Oppositionelle eingesetzt würde. "Andere haben mir erzählt, dass Kinder an Panzer gebunden wurden, um sozusagen einen Schutzschild zu haben, damit niemand Molotow-Cocktails auf die Panzer schmeißt oder sie beschießt." Hensel hält diese Berichte für glaubwürdig.
Wochenlange Flucht
Die Schrecken des Krieges sind  groß, das berichtet auch Donatella Rovera, die sich für "Amnesty International" im Frühjahr mehrere Wochen lang inkognito in Aleppo aufgehalten hatte. Während dieser Zeit, berichtet sie, habe sie Familien getroffen, die innerhalb kurzer Zeit vier oder fünf Mal ihren Aufenthaltsort gewechselt hätten. "Jedes Mal, wenn sie in eine ruhige Zone kamen, wurde diese irgendwann ebenfalls angegriffen. So machten sie sich auf den Weg in eine andere Region. Und von dort wieder in eine andere - und so weiter." Diese im Land selbst umherirrenden Flüchtlinge stellen den größten Anteil derer, die wegen des Krieges ihren Wohnsitz verlassen haben. Auf bis zu eine Million schätzten die UN ihre Zahl.
Unter ihnen sind auch viele Verwundete, die hoffen, sich irgendwo behandeln lassen zu können. Doch der Besuch eines Arztes ist alles andere als selbstverständlich. Oft setzt er ein Netz solider, auf Vertrauen basierender Beziehungen voraus. Viele Menschen, berichtet Rovera im Gespräch mit der DW, hätten große Angst, ins Krankenhaus zu gehen. Denn es habe sich herumgesprochen, dass die Regierungstruppen die dort um Hilfe Suchenden aufgreifen und ihre Identität überprüfen würden. Stellten sie fest, dass die Betreffenden im Widerstand aktiv seien, würden sie sie verhaften. "Und die Leute wissen, wenn sie verhaftet werden, werden sie leicht auch getötet." Darum suchten sie vorzugsweise Ärzte auf, die im Verborgenen arbeiteten. Aber auch dies sei riskant, denn die medizinische Behandlung von Oppositionellen wird drakonisch bestraft. "In besonders dringenden Fällen", so Rovera, "müssen sich Verwundete darum ins Ausland schmuggeln lassen."
Akuter Medikamentenmangel

Ein syrische Frau in einem Krankenhaus in Homs. Eine Bombe riss ihr beide beine aus. Foto vom 30.5. 2012
(Foto: AP/dapd) Der Preis des Krieges
Doch auch für Menschen, die nicht der Opposition angehören, wird die Situation immer schwieriger. Viele Gesundheitszentren und Krankenhäuser seien zerstört worden, berichtet Tarik Jarasevic, Sprecher der UN-Gesundheitsbehörde "WHO". Andere hätten schließen müssen, da die Energieversorgung unterbrochen sei. Aufgrund der Kämpfe könnten zudem viele Ärzte und Pfleger ihre Arbeitsplätze nicht erreichen.

Ein syrischer Flüchtling im Krankenhaus von Triopoli im Libanon. Foto vom Juli 2012.
ann und wo: Juli 2012.
(Foto:  Don Duncan)
Gerettet. Ein syrischer Flüchtling in einem libanesischen Krankenhaus
Doch selbst wenn die Ärzte anwesend sind: Oft können sie ihre Patienten nicht behandeln, da ihnen die nötigen Medikamente fehlen. Rund 90 Prozent der in Syrien eingesetzten Medikamente würden lokal produziert, berichtet Jarasevic. "Wenn diese Produkte ausfallen, müssen die Syrer sie auf dem Weltmarkt kaufen. Und dort können sie sie derzeit nicht bezahlen." So seien nicht nur Menschen betroffen, die direkte Opfer der Kampfhandlungen seien. Auch Menschen mit chronischen Krankheiten, etwa Herzbeschwerden, Diabetes und Krebs, müssten auf Behandlung und Medikamente verzichten.
Lebensmittelhilfen im großen Stil
Die humanitäre Situation ist in vielerlei Hinsicht katastrophal. Eine Sprecherin des UN-Ernährungsprogramms erklärte, allein in Aleppo seien rund 46.000 Menschen auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Insgesamt hätten Mitarbeiter des Welternährungsprogramms im Juli über eine halbe Million Menschen unterstützt. Eigentlich hätten es noch mehr sein sollen, doch ließ die Sicherheitssituation weitere Hilfen nicht zu. Der Krieg lässt auch die Hilfsorganisationen zu Ohnmächtigen werden.

Umbruch in der arabischen Welt

Politisch, ökonomisch und religiös gehen die arabischen Länder unterschiedliche Wege. Die einst beschworene Einheit ist Geschichte. Nur eines verbindet noch: die arabische Sprache.
"Iqra!" - "Lies!" Eindeutig ist der Befehl, den Mohammed, der Stifter des Islam, erhalten hat. Gott selbst habe ihn gegeben, berichtet die Überlieferung über die Ursprünge des Islam im frühen 7. Jahrhundert, und sein Prophet konnte nicht anders als ihm zu entsprechen. Laut las er den Seinen vor, was ihm aus himmlischen Höhen diktiert worden war, und was sie hörten, hatte einen ganz eigenen, ganz besonderen Klang. Nicht umsonst setzt sich der Name des heiligen Buchs der Muslime, der Koran, im Arabischen aus den drei Konsonanten "q", "r" und dem in den europäischen Sprachen unbekannten "ain", einem stimmhaften Reibelaut, zusammen. "Quran" also, das zu Lesende. Laut sollte es gelesen werden, damit man den charakteristischen Klang der Sprache auch hört.
Offenbarung auf Arabisch

Bild eines aufgeschlagenen Korans (Foto: picture alliance/Godong)
Ein Sprachkunstwerk: der Koran
Sich wiederzuerkennen in der arabischen Sprache, zu erleben, dass auch sie es vermag, die theologischen Ideen ihrer Zeit auszudrücken - das, erklärt der Bonner Islamwissenschaftler Stefan Wild, machte zu großen Teilen den Erfolg der neuen Religion aus. "Der Koran ist gewissermaßen nicht nur zufällig auf Arabisch geschrieben, sondern er ist - und das steht auch im Text selbst - vor allem ein arabischer Koran. Und in den Anfängen der arabischen Religion war das Hauptkennzeichen dieser neuen Religion nicht etwa der Umstand, dass sie neue Ideen über Gott, die Engel und die Propheten enthielt. Sondern der Umstand, dass alle diese Dinge, die vorher schon in anderen Sprachen gesagt und gedacht worden waren, jetzt auf Arabisch offenbart wurden."
Das Arabische und der Islam bilden eine dicht verwobene Einheit. Und wenn die Araber seit dem siebten Jahrhundert Zug um Zug nach Westen und Osten vordringen und auf ihrem Zug immer größere Gebiete erobern, verbreiten sie ihre Kultur gleich zweifach: religiös ebenso wie sprachlich. Sicher leben unter ihrer Herrschaft auch Angehörige anderer Religionen. Aber zumindest sprachlich sind die Unterworfenen mit den neuen Herren fortan eng verwoben. "Die Nichtmuslime - etwa die Christen im Libanon und im Irak - haben zwar nicht den Islam übernommen, aber eben doch die dominierende Kultursprache des Arabischen", erklärt Stefan Wild.
Herder und Fichte im Orient

Der deutsche Lyriker, Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder in einer zeitgenössischen Darstellung (Foto: dpa) Auch ein Vater des arabischen Nationalismus: Johann Gottfried Herder
Und wie zu Zeiten der islamischen Expansion war das Arabische auch dann das einende Band, als die sich vom persischen Golf bis zum Atlantik erstreckenden Reiche ihren politischen Niedergang erlebten. Im 16. Jahrhundert drangen die Osmanen immer weiter vor und unterwarfen die arabischen Provinzen eine nach der anderen. Über dreihundert Jahre standen diese unter der Herrschaft Konstantinopels. Fortan war das Osmanische, eine frühe Form des modernen Türkisch, Amtssprache in der arabischen Welt. Doch im 19. Jahrhundert besannen sich die ehemals arabischen Provinzen auf ihre Wurzeln und begehrten gegen die fremden Herren auf.
"Beim Widerstand gegen das polyglotte und viele Völker umfassende Osmanische Reich", erklärt Stefan Wild, "spielte das Arabische als nationale Sprache eine große Rolle. Arabische Gelehrte griffen auf Fichte und Herder zurück, um zu erklären, inwiefern das Arabische ein einendes Band sein konnte. Man hat auf die Parallele zum Deutschen verwiesen: das Deutsche als Bindeglied verschiedener deutscher Kleinstaaten - das war im 18. und 19. Jahrhundert ja eine ganz geläufige Vorstellung. Die Idee, dass das Arabische, wenn man es nur genügend stützt und verbreitet, das einigende Band einer großen arabischen Nation sein könnte - zu dieser Idee hat man sich von den Deutschen inspirieren lassen."
Ideologische Spaltung
Auch im 20. Jahrhundert spielte das Arabische für das Identitätsgefühl der Region eine große, vielleicht sogar die entscheidende Rolle. Immer stärker zeigte sich nämlich, in welch unterschiedliche Richtungen die Staaten der Region gingen. Die einen, vor allem Ägypten, Syrien, Algerien und die Republik Jemen, unternahmen sozialistisch-nationalistische Experimente und suchten Kontakte zur Sowjetunion. Andere, allen voran Saudi Arabien und andere Staaten der Arabischen Halbinsel, kultivierten einen konservativen Islam, der große Teile des öffentlichen Lebens regelte. Ideologisch kamen die beiden Richtungen nicht mehr zusammen, und von einer Einheit der arabischen Staaten ließ sich immer weniger sprechen. Das, erklärt Stefan Wild, spiegele sich auch im zentralen Organ dieser Staaten, der arabischen Liga. "Ich habe den Eindruck, das Einzige, was die Arabische Liga zusammenhielt und zusammenhält, ist das Arabische. Allein die Sprache, das Hocharabische, kann diese Welt überhaupt noch zusammenhalten."
Risse quer durch die Gesellschaft
Im neuen Jahrtausend hat der arabische Frühling in aller Deutlichkeit gezeigt, wie sehr die Gesellschaften der arabischen Länder auch innerhalb der Landesgrenzen auseinanderdriften. Reiche und Arme, Gebildete und Analphabeten, Gläubige und Ungläubige: Sie alle haben ganz verschiedene Interessen, Vorstellungen, Lebensstile. Die Frage, was Gesellschaften zusammenhält, stellt sich auch in den arabischen Ländern mit großer Dringlichkeit. Sie hat zum Teil sehr gewalttätige Antworten gefunden, vor allem in Syrien.

Ein Redaktionsraum des arabischen Senders Al-Jazeera. Bild vom Februar 2005.
(Foto: ddp images/AP) Ein Zentrum des zeitgenössischen Arabisch: der TV-Sender Al-Jazeera
So haben die einzelnen arabischen Länder untereinander ein ebenso zerbrechliches Verhältnis wie die einzelnen Schichten innerhalb der jeweiligen Landesgrenzen. Eine neue Einheit bilden dank der Digitalisierung die arabischen Nachrichten- und Informationssender. "Al Jazeera", "Al Arabiya" und andere sorgen dafür, dass Araber weltweit auf dem gleichen Informationsstand sind. Über die Bewertung der Nachrichten gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Einigkeit herrscht nur darüber, dass die sprachliche Einheit erhalten werden sollte. Das sehen auch viele arabische Autoren so, erklärt Stefan Wild. "Viele Schriftsteller warnen etwa davor, dass die arabischen Dialekte in die zeitgenössische Literatur eindringen. Sie fürchten, es könnte irgendwann zum Beispiel ein ägyptisches, ein marokkanisches und ein irakisches Arabisch geben. Diese Varianten, so ihre Sorge, würden dann immer weiter auseinanderdriften."
Spontane Bindungsgefühle
Was also hält die arabische Welt zusammen? Nicht mehr viel. Politisch, ökonomisch sowie religiös und kulturell gehen die Länder der Region unterschiedliche Wege. Wenn aber der Aufstand, der in Tunesien ausbrach, so schnell auf die anderen Länder überspringen konnte, dann vor allem aus einem Grund: Die Menschen der Region empfinden eine spontane Bindung zueinander. Über Werte und Lebensstile mögen sie streiten. Aber sie tun es auf Arabisch. Es ist die Sprache, die ihre Welt über alle Grenzen hinweg zusammenhält. Und die dazu beiträgt, sie wie in den derzeitigen Aufständen, zutiefst zu erschüttern - und am Ende hoffentlich nach vorn zu bringen.

Umstrittene Handyvideos

Noch immer ist der Ausgang der Kämpfe in Syrien ungewiss. Die Situation dort geht auch an den Syrern im Ausland nicht spurlos vorüber. 32.000 leben in Deutschland. Sie sind zerrissen zwischen Sorge und Hoffnung.
Muhamed Al-Hassan sitzt zwischen Computerbildschirm und TV-Gerät auf einem bequemen Bürostuhl in einem Hochhaus mitten in Berlin. Draußen auf der Straße unter der Nachmittagssonne bewegt sich geordnet der Stadtverkehr. Über den Fernseher des Endziebzigers wabern unscharfe Bilder: ein hellgraues Kampfflugzeug zieht von links oben eine Diagonale über den Bildschirm. Al-Hassan fährt sich über die weißgrauen schütteren Haare in seinem Nacken. "Das da ist ganz in der Nähe von meinem Dorf im Norden von Aleppo", sagt er und zählt Ortsnamen in der Nachbarschaft auf: "Azaz, Afrin, Minakh" - die Gegend kenne er wie seine Westentasche. "Die freie syrische Armee hat einen Flughafen angegriffen, aber sie haben nur einen Panzer."
Der promovierte Sportpädagoge und ehemalige Lektor und Übersetzer fiebert mit den Aufständischen. Jeden Tag von morgens bis spät in die Nacht hinein. Er kam in den 1980er Jahren nach Deutschland, aber sein Heimatland Syrien ist ihm in den letzten eineinhalb Jahren nahe gerückt wie lange nicht mehr. Am Abend besorgt er sich Informationen aus erster Hand. Das würde er auch jetzt schon gerne tun. Al-Hassan schwenkt den Stuhl nach links, zum PC. Er greift nach der Maus und scrollt durch die Kontaktleiste des Skype-Fensters. Zwei Schwestern von ihm wohnen noch in Aleppo und seine Nichten und Neffen. "Da ist keiner online gerade", sagt er enttäuscht, "naja, das Netz ist schwach und die haben ja auch was zu tun tagsüber".
Angst und Mangel in der Heimat

Muhamed Al-Hassan (Foto: DW) Muhamed Al-Hassan lebt seit 30 Jahren in Deutschland
In seinem engeren Verwandten- und Bekanntenkreis seien bisher alle unbeschadet geblieben, aber es gehe ja nicht nur um seine Familie, sondern um ganz Syrien. "Wir können uns doch ausrechnen, wie viele jeden Tag sterben", sagt er und seine Stimme kippt fast dabei. Seine älteste Schwester wüsste nicht mehr ein und aus - Lebensmittel, Strom - alles sei knapp, und dann die Angst! Al-Hassan reißt die Hände auf Brusthöhe und dann fallen sie wieder schlaff auf seine Oberschenkel. Es passiert so viel. Und er ist so weit weg. Der TV-Sprecher berichtet von Artillerieangriffen auf einen Vorort südwestlich von Damaskus. Artouz, auch da hat er Freunde.
Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik leben mehr als 32.000 Syrer in Deutschland. Dazu kommt noch eine schwer zu schätzende Zahl von Syrischstämmigen mit deutschem Pass. Der Konflikt in Syrien spaltet auch sie. Revolutionsbefürworter und -skeptiker vermeiden es inzwischen weitgehend, miteinander zu sprechen. Beide Seiten werfen einander vor, ihr Vaterland zu verraten. Assad-nahe Syrer ärgern sich, dass Deutschland den Oppositionellen ein Forum gibt. Die Sorge um die Verwandten und Freunde in der alten Heimat ist inzwischen das Einzige, was die Lager der Syrer in Deutschland eint.
Warten auf Unterstützung

Mustafa Gumrok (Foto: DW) Mustafa Gumrok wäre jetzt am liebsten in Syrien
Bei Mustafa Gumrok ist aus Sorge inzwischen Wut geworden. Wut auf den Westen, der es zulasse, dass Assad Wohnviertel mit Kampfjets und Hubschraubern angreifen lässt. Der stämmig gebaute Ingenieur verdient seinen Lebensunterhalt in Berlin mit Automatisierungstechnik. Jetzt sitzt er in einem syrischen Restaurant auf einer kuschelig gepolsterten Bank und spricht über die täglichen Telefonate in seine Heimat - zweieinhalb Tausend Kilometer Luftlinie entfernt. "Die Älteren sagen ja immer, es ist alles gut, das sind die so von früher gewohnt, aber im Hintergrund, da höre ich Schüsse."
Die Ereignisse in Syrien machen ihn unruhig. Gumrok ist überzeugt davon, dass die Aufständischen für eine gute Sache kämpfen, für Freiheit und Demokratie. Der Deutsch-Syrer will sie unterstützen und organisiert deshalb in Berlin Demonstrationen und Diskussionsveranstaltungen von Assad-Gegnern. Das kostet ihn viel Energie und Zeit - trotzdem fragt er sich auch, ob das schon genug ist. Er erzählt, am liebsten wäre er mit seiner Frau vor Ort, "um an der Revolution teilzunehmen". Dann stockt Gumrok. Sie wüssten auch, dass das nicht geht, schiebt er dann nach, wegen der Kinder, der Arbeit, des ganz normalen Alltags - eben dem, was es kaum noch gibt in Syrien.

Libanons banger Blick nach Syrien

Verbündeter gegen Israel oder Grund für Instabilität im Libanon? Über das Regime in Syrien sind die Libanesen geteilter Meinung. Aber beide Seiten sind auf die Zeit nach Assad denkbar schlecht vorbereitet.
In Thurayyas Familie könnten die politischen Meinungen kaum gegensätzlicher sein. Ihr Mann, der aus einer schiitischen Familie stammt, unterstützt das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Die 41-jährige Englischlehrerin, die dem sunnitischen Islam angehört, hält dagegen einen politischen Wechsel im Nachbarland für dringend notwendig. In einem Punkt sind sich beide einig: Die Zeit nach Assad wird für den Libanon nicht leicht werden.
Thurayya hält die Machtübernahme von radikalen Sunniten in Damaskus für wahrscheinlich. Sie ist überzeugt, dass die neuen Herren dann die radikalen Sunniten in ihrer Heimat unterstützen: "Zusammen werden sie versuchen unser politisches System zu ändern. Es gibt sicher Probleme."
Pro-syrische Kräfte an der Macht

Die Flaggen des Libanon und Syriens, die Syriens mit Assad-Portrait (Foto: AP)
Der politische Einfluss Syriens auf den Libanon ist noch immer groß
Seit Jahrzehnten ist das Verhältnis des kleinen Zedernstaates zum starken Nachbarn Syrien von Einmischung und Abhängigkeit geprägt. Erst 2005 - nach dem Mord an dem früheren Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri - musste die syrische Armee nach fast dreißigjähriger Präsenz den Libanon verlassen. Aber der politische Einfluss ist geblieben. Seit Juni 2011 regiert in Beirut die pro-syrische Allianz des 8. März. Sie besteht aus den schiitischen Kräften der Hisbollah, der Amal-Bewegung und der christlichen Freien Patriotischen Bewegung. Die Anti-Assad-Kräfte, die Allianz des 14. März mit der sunnitischen Future Bewegung und zwei christliche Verbündeten sitzen in der Opposition.
Die von Thurayya befürchtete Allianz syrischer und libanesischer Salafisten ist nur eines von vielen möglichen Zukunftsszenarien für den Libanon. Zunehmende Spannungen und Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten im Zedernstaat sind ebenfalls möglich. Die Entführung schiitischer Libanesen durch die Freie Syrische Armee in der Nähe von Aleppo und Gerüchte um den Beschuss schiitischer Heiligtümer in Damaskus schüren die Ängste schiitischer Libanesen. Sie befürchten ähnliche Racheakte für ihre Pro-Assad-Position in der eigenen Heimat.
Flucht nach vorne

Der Publizist Qassim Kassir (Foto: DW) Der Publizist Qassim Kassir
Große Fragezeichen wirft die Politik der Hisbollah auf - des stärksten politischen und militärischen Verbündeten Syriens. Dass diese Partei politisch geschwächt wird, steht außer Frage. Noch ist nicht klar, wie sie auf den Verlust ihres Partners in Damaskus reagieren wird. Der Publizist Qassim Kassir, Kenner der "Partei Gottes", hält militärische Aktionen gegen Israel vom Südlibanon aus für realistisch.
Er weist darauf hin, dass führende Funktionäre der Hisbollah in letzter Zeit mehrmals von einer sogenannten "Befreiungsstrategie" gesprochen haben: "Das heißt, dass sie beabsichtigen, die noch von Israel besetzten libanesischen Gebiete im Südlibanon wie das Dorf Ghajar und die Shabaa Farmen zu befreien, sofern der libanesische Staat keine Befreiung unternehmen sollte." Für Kassir ist die Botschaft, die die Hisbollah vermitteln will klar: "Damit will sie sagen: Wir sind auch stark genug, einen Krieg zu führen, wenn das Regime in Syrien stürzen sollte. Sie tritt die Flucht nach vorne an."
Negative Szenarien
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Zedernstaat nicht in der Lage ist, seine innenpolitischen Probleme zu lösen. Die Auseinandersetzungen um die Waffen der Hisbollah brachten das Land vor vier Jahren an den Rand eines neuen Bürgerkrieges. Vor dem Hintergrund wundert es nicht, dass sich niemand im Land vorstellen kann, eine so große Herausforderung wie den Zusammenbruch des syrischen Regimes souverän zu bewältigen.
Auch die Aussichten für die christlichen Parteien sind nicht gut: Christen machen im Libanon ein Viertel der Bevölkerung aus. Lange waren sie unter syrischer Besatzung politisch marginalisiert. In den letzten Jahren gaben sich christliche Politiker wieder selbstbewusster. Nun könnten sie mit der Schwächung Syriens und der pro-syrischen Kräfte im Libanon mehr Gewicht bekommen.
Christen als Brückenbauer

Sarkis Naoum, libanesischer Kolumnist der Tageszeitung an-Nahar (Foto: DW) Sarkis Naoum wünscht sich die Christen als Brückenbauer
Sarkis Naoum, Kolumnist der libanesischen Tageszeitung An-Nahar, wünscht sich eine konstruktivere christliche Rolle. Er sieht sie als politische Brückenbauer, die die historischen Feinde Schiiten und Sunniten einander näher bringen können: "Wenn sie diese Rolle gekonnt übernehmen, hätten wir vielleicht sogar eine neue nationale Formel." Aber Naoum hält diese Möglichkeit für unwahrscheinlich: "Ich fürchte, dass die Christen für diese Rolle nicht reif genug sind. Sie sind in den beiden Lagern 14. und 8. März gespalten, zutiefst verfeindet und würden sich am liebsten gegenseitig von der Bildfläche verschwinden lassen."
Noch fällt es schwer, sich die politische Landschaft im Zedernstaat ohne das Assad-Regime vorzustellen. Die Sunniten, die größten Gewinner des Sturzes der Diktatur im Nachbarland, können kein Konzept für die Zeit danach vorweisen. Sie hoffen allein auf die Schwäche ihrer Gegner, um bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr das Rennen zu machen.